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H6-2 Hilfen zur Arbeit mit Freiwilligen

Barbara Wenzke

1. Handlungsbedarf

Pflege in einer Altenpflegeeinrichtung kann nicht ausschließlich professionelle Hilfe bedeuten. Eine wohnortnahe, gemeinde- und stadtteilbezogene pflegerische Versorgung (Klie et al. 2005) besinnt sich auch auf Ressourcen des örtlichen Nahraumes, in welchem sich die Einrichtung befindet. Selbst wenn sich nur 2,2 Prozent der Gesamtbevölkerung laut dem Freiwilligensurvey 2009 im Gesundheitsbereich engagieren und davon vermutlich nur ein Drittel (0,7 Prozent) in der Pflege (Simonson 2013), ist es für Einrichtungen lohnenswert, sich um Freiwillige zu bemühen. 

Freiwillige können für die Einrichtung bereichernd sein, wenn dort verantwortlich mit ihnen (und sich) umgegangen wird:

  • Freiwillige können den Alltag für die Bewohnerschaft normalisieren, mehr Teilhabe und Selbstbestimmung ermöglichen und den Lebensweltbezug erhalten.
  • Bei weniger ausgeprägten Familiennetzwerken gerade in ländlich gelegenen Einrichtungen können vor allem Bewohnerinnen und Bewohner mit geringen materiellen und sozialen Ressourcen durch das Engagement der Freiwilligen soziale Kontakte und Wertschätzung erfahren.
  • Eine Öffnung des oft geschlossenen Systems Altenpflegeheim (Klie et al. 2005) kann sich auf die wertvolle Arbeit in der Einrichtung positiv auswirken. Sich zu öffnen, fördert die Transparenz und stärkt damit die Achtung und das Vertrauen in die Einrichtung.
  • Engagement im Pflegekontext ist ein wichtiger Zugangsweg zur beruflichen Tätigkeit in der stationären Pflege, auch für die hauswirtschaftlichen und sozial ausgerichteten Berufe (Klie et al. 2013 zitiert in BMFSFJ 2017).

2. Ziel

Das Ziel ist es, Freiwillige für die Einrichtung zu gewinnen, die eine Bereicherung für alle Beteiligten werden. Freiwillige nach ihren Bedürfnissen und Wünschen einzusetzen, bedeutet gleichzeitig, diese mit den Anliegen und Abläufen der Einrichtung passfähig zusammenzubringen. Um Freiwillige langfristig zu binden, müssen sie sich wohlfühlen und sich gern für die Bewohnerschaft engagieren.

Daran sollten alle, die in der Einrichtung beschäftigt sind, aktiv mitarbeiten. Nötig ist mindestens eine verantwortliche Person, die die Arbeit mit Freiwilligen steuert. Die Einrichtung braucht ein klares Konzept, das zielgerichtet die Grundhaltung und einen wertschätzenden Umgang mit Freiwilligen beschreibt. (im Sinne der Freiwilligenkoordination siehe Arbeitshilfe AH6-2.1) Darüber hinaus muss das Thema „Freiwilligenarbeit“ in eine langfristige Strategie des Unternehmens eingebettet werden. (Einzelne Schritte im Sinne des Freiwilligenmanagements finden Sie in der Arbeitshilfe AH6-2.2)

3. Beschreibung möglicher Vorgehensweisen

Ein Freiwilligen-Konzept erstellen

Dieses Konzept weist folgende Inhalte aus:

Zielgruppen gewinnen

Die Freiwilligen in der Pflege sind „typisch Engagierte“ (BMFSFJ 2016; BMFSFJ 2017; Simonson 2013); das bedeutet, sie sind:

  • meist überdurchschnittlich qualifiziert und in einer guten materiellen Lage,
  • auf dem Land oder im Umfeld von Städten wohnend, weniger in Großstädten,
  • an Kirche oder Vereine gebunden,
  • mit Engagement vertraut.

Das Engagement in der Pflege hebt sich besonders hervor, weil die Engagierten:

  • vor allem älter und weiblich sind,
  • oft eigene (auch aktuelle) Pflegeerfahrungen haben,
  • überdurchschnittlich oft in Ein- oder Zweipersonenhaushalten leben,
  • häufig mit hohem Zeitaufwand mehrfach engagiert sind. 
    (Simonson 2013)

Achten Sie bei der Zielgruppenansprache auf möglichst große Vielfalt:

  • stark engagierte Freiwillige im Sinne eines regelmäßigen Ehrenamtes,
  • eher kurzfristige und bei Bedarf ansprechbare Ehrenamtliche im Sinne eines unverbindlichen Engagements,
  • Selbsthilfeverbände bzw. -gruppen der Umgebung, die sich in der Einrichtung treffen,
  • Angehörige, die Verantwortung auch für andere übernehmen,
  • Schüler bzw. Schülerinnen und Jugendliche, die einen Freiwilligendienst (FSJ oder BFD) absolvieren,
  • Schulinitiativen, die ein „service learning“ (siehe Kapitel H3-1) oder Projekttage durchführen,
  • klein- und mittelständische Unternehmen der Region, die durch Geld- und Sachspenden oder den Einsatz von Know-how unterstützen,
  • Personen und Einrichtungen des öffentlichen Lebens (z.B. Imker, Trachtenschneiderin, Bibliotheken, Museen, Musikschulen),
  • Vereine und Initiativen (z.B. Hospizarbeit),
  • ehemalige Beschäftigte, die die Einrichtung und die Bewohnerschaft kennen.

Tätigkeitsfelder für Freiwillige definieren

Generell können Freiwillige in allen Arbeitsfeldern der Altenpflegeeinrichtung tätig werden. Sie ersetzen dabei nicht die Leistungen der hauptamtlichen Arbeitskräfte in den einzelnen Bereichen, sondern ergänzen sie. Cure-Aufgaben (Diagnostik, Therapie, Fachpflege) bleiben Sache der professionellen Pflege. Demgegenüber stehen Care-Aufgaben im Rahmen von alltagsbezogener und teilhabeorientierter Sorge, die auch von Familie, Nachbarn und Engagierten erbracht werden können (BMFSFJ 2017).

Freiwillige selbst sehen ihre Aufgaben eher in der Unterstützung im Alltag, beim Erhalt der gesellschaftlichen Teilhabe, bei Freizeitaktivitäten und bei der Vertretung von Rechten und Ämtergängen (ZQB 2013).

Alle freiwilligen Tätigkeiten finden sich in Stellenbeschreibungen (Arbeitshilfe AH6-2.3) wieder, um den Freiwilligen klare Aufgabenprofile kommunizieren zu können und um die Hauptamtlichen von Fragen der Abgrenzung zu entlasten. Letztendlich beugen diese Stellenbeschreibungen Konflikten zwischen den Haupt- und Ehrenamtlichen vor. (Die Vielfalt an möglichen freiwilligen Tätigkeiten in einer Altenpflegeeinrichtung zeigt Ihnen die Arbeitshilfe AH6-2.4)

Gute Rahmenbedingungen schaffen

Koordinieren Sie die Freiwilligenarbeit

Eine koordinierende Stelle regelt für Freiwillige und hauptamtliche Beschäftigte alle Belange rund um die Freiwilligenarbeit in der Einrichtung. Der zeitliche Aufwand für die Koordinierung wird in einer Stellenbeschreibung auch im Stundenumfang festgelegt.

Binden Sie die hauptamtlichen Mitarbeitenden ein

Die Einbindung hauptamtlicher Beschäftigter erfolgt zum einen bei der Erstellung der Stellenbeschreibungen in den unterschiedlichen Bereichen der Einrichtung, zum anderen erhält jeder mit einer Stellenbeschreibung definierte Einsatzbereich einen hauptamtlichen Mentor oder eine Mentorin zur professionellen Begleitung und Unterstützung.

Fördern Sie den Austausch zwischen Haupt- und Ehrenamt

Dies kann z.B. in Form eines Ehrenamtsstammtisches einmal im halben Jahr geschehen, bei dem die Mentoren mit eingebunden werden und bei dem Sorgen, Ängste aber auch Anerkennung von beiden Seiten wahrgenommen und besprochen werden.

Sichern Sie die Einarbeitung auch für Freiwillige

Alle Freiwilligen erhalten durch die Koordinatorin oder den Koordinator ein Erstgespräch vor Beginn ihrer Tätigkeit. (Arbeitshilfe AH6-2.5) Zunehmend finden sich Interessierte, die eigene Probleme haben, etwas überbrücken wollen oder auch durch soziale Organisationen geschickt werden – gerade da ist ein Erstgespräch unabdingbar, um die Arbeit zum Wohle der Bewohnerschaft auf beiden Seiten zuverlässig und berechenbar zu machen. Wenden Sie als Einrichtung eine Checkliste zur Einarbeitung (Arbeitshilfe AH6-2.6) an.

Bieten Sie regelmäßige Entwicklungsgespräche und Fortbildungen an

Sichern Sie Lernerfahrungen, beteiligen Sie die Freiwilligen an Weiterbildungen und erfassen Sie veränderte Motive, Wünsche, Anregungen und Unterstützungsbedarfe in einem Entwicklungsgespräch. (Arbeitshilfe AH6-2.7) Auch die gelegentliche Einbindung in Fallbesprechungen oder Teamsitzungen wird der Motivation der Freiwilligen nach Mitgestaltung und -bestimmung gerecht und ermöglicht tätigkeitsbezogenes Lernen und bewohnerorientierteres Handeln.

Sichern Sie die Freiwilligen rechtlich ab

Schließen Sie nach einer „Schnupperphase“ eine Vereinbarung zum Engagement ab. (Arbeitshilfe AH6-2.8) Verabreden Sie verbindliche Kriterien, wann die Hauptamtlichen hinzuzuziehen sind. Legen Sie regelmäßig stattfindende Reflexionen fest. Prüfen Sie Ihre Versicherungen auch in Bezug auf den Einsatz von Freiwilligen und fragen Sie im Erstgespräch nach dem privaten Unfall- und Haftpflichtversicherungsschutz.Sorgen Sie für Anerkennung und Würdigung (ideell, materiell und finanziell)

Sorgen Sie für Anerkennung und Würdigung (ideell, materiell und finanziell)

und lassen Sie diese zu einer Kultur des Unternehmens werden. Mit der „Ehrenamtskarte“ des Landes Berlin-Brandenburg (Staatskanzlei Brandenburg 2018a) wird das freiwillige Engagement im Land wertgeschätzt. (Arbeitshilfe AH6-2.9)

Erstatten Sie den Freiwilligen die Auslagen

Das betrifft insbesondere die Fahrtkosten zur Einrichtung, ebenso Materialkosten, eventuell kann auch eine Aufwandspauschale ausbezahlt werden.

Zertifizieren Sie Lernerfahrungen (Arbeitshilfe AH6-2.10)

Stellen Sie ein Zertifikat für die ehrenamtliche Tätigkeit nach Beendigung der Tätigkeit aus, nutzen Sie den Freiwilligenpass des Landes Brandenburg (Staatskanzlei Brandenburg 2018b).

Den Abschied wertschätzend vollziehen

Gestalten Sie den Abschied wertschätzend und halten Sie Kontakt für eine eventuelle Wiederaufnahme des Engagements. Ehemalige sind auch „Lobbyisten“ für Ihre Einrichtung.

Kooperationspartner für die Akquise nutzen

Fragen Sie

  • Freiwilligenagenturen,
  • Selbsthilfeorganisationen bzw. -gruppen,
  • Seniorenbeiräte,
  • Ortsgruppen von Seniorengenossenschaften,
  • Pflegeorganisationen mit Schnittstellen zu pflegenden Angehörigen (Simonson 2013) sowie Pflegestützpunkte,
  • Seniorenbegegnungsstätten,
  • Kirchgemeinden und Landfrauenverband,
  • Jugendhilfezentren, Kitas, Mehrgenerationenhäuser,
  • umliegende Vereine, Orchester, Musikschulen und Chöre 

    um Unterstützung an.

Weitere Orte zur Gewinnung von Freiwilligen sind betreute Wohnformen für Ältere in der Nähe, Ärzte, Bibliotheken, Gaststätten, Physiotherapiepraxen, Jobcenter, Berufsinformationszentren usw. Sinnvoll erscheinen auch soziale Medien (Facebook usw.), Annoncen in der Regionalzeitung oder Radiowerbung.

Eine Studie in Baden-Württemberg (Klie et al. 2005) hat gezeigt, dass fast ein Viertel der freiwillig Engagierten in den Pflegeeinrichtungen über Verwandte zu einem Engagement in der Pflege kommen, fast 20 Prozent verfügen über Pflegeerfahrungen. Deshalb spricht vieles dafür, alle Beschäftigten für die Gewinnung von Freiwilligen zu sensibilisieren, Nachbarn oder (ehemalige) Angehörige direkt anzusprechen, Plakate auszuhängen (Arbeitshilfe AH6-2.11), in der haus- oder trägerinternen Zeitung oder auf der Webseite zu werben. Feste und Feiern für alle Interessierten zu öffnen oder Wettbewerbe auszurichten (z.B. „um den größten Kürbis“), sind weitere Ideen.

Freiwillig Engagierte in der Pflege sind durchschnittlich 57,8 Jahre alt (Simonson 2013). Auch deshalb ist die Peer-Gewinnung gerade in einem Alter nicht zu unterschätzen, in dem Sicherheit und Vertrautheit eine große Rolle spielen. Die Ehrenamtlichen können auch Freunde und Bekannte ansprechen, denn „Mund-zu-Mund-Propaganda“ ist ein bewährtes Mittel zur Akquise neuer Ehrenamtlicher (Wenzke 2007).

Freiwilligenarbeit evaluieren

Werten Sie die Arbeit mit den Freiwilligen regelmäßig in den Dienstberatungen aus. Auch Entwicklungsgespräche und Ehrenamtsstammtische lassen eine Beurteilung der Freiwilligenarbeit in der Einrichtung zu. Eine Evaluationsbefragung der Freiwilligen durch den Koordinator oder die Koordinatorin (Arbeitshilfe AH6-2.12) im Turnus von mindestens zwei Jahren kann Hinweise darauf geben, ob die Einrichtung bei der Einbindung von Freiwilligen auf dem richtigen Weg ist. Eine weitere Befragung könnten Sie mit den Bewohnern und Bewohnerinnen durchführen, bei denen der Einsatz der Freiwilligen spürbar ist.

Literatur

BMFSFJ (2016): Freiwilliges Engagement in Deutschland, Der deutsche Freiwilligensurvey 2014, Berlin, online https://www.bmfsfj.de/blob/93916/527470e383da76416d6fd1c17f720a7c/freiwilligensurvey-2014-langfassung-data.pdf (letzter Zugriff am 5.10.2018)

BMFSFJ (2017): Zweiter Bericht über die Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in der Bunderepublik Deutschlands, Berlin, online https://www.bmfsfj.de/blob/115624/d6da5ce2163c59600f48a7a5d360a3b2/2-
engagementbericht-und-stellungnahme-br-data.pdf
(letzter Zugriff am 5.10.2018)

Klie, Thomas; Hans Hoch, Thomas Pfundstein (2005): BELA – Bürgerschaftliches Engagement für Lebensqualität im Alter. Schlussbericht zur Heim- und Engagiertenbefragung August 2005, Freiburg, online
http://www.ehrenamtsbibliothek.de/literatur/pdf_794.pdf (letzter Zugriff am 5.10.2018)

Netzwerk Lernen durch Engagement (2018), online https://www.servicelearning.de/praxis/netzwerk-lernen-durch-engagement (letzter Zugriff am 5.10.2018)

Reifenhäuser, Oliver (2013): Grundsätze und Konzept für das Freiwilligenmanagement entwickeln In: Reifenhäuser, Carola; Oliver Reifenhäuser (Hrsg.), Praxishandbuch Freiwilligenmanagement, Edition Sozial, Weinheim
(BELTZ), S. 25-27

Simonson, Julia (2013): Freiwilliges Engagement in der Pflege und dem Gesundheitswesen In: ZQP Themenreport Freiwilliges Engagement im pflegerischen Versorgungsmix, Berlin, S. 20-35, online https://www.zqp.de/wp-content/
uploads/2016/06/ZQP_Themenreport_Freiwilliges_Engagement.pdf

(letzter Zugriff am 5.10.2018)

Staatskanzlei Brandenburg (2018a): Die Ehrenamtskarte Berlin-Brandenburg, online http://ehrenamt-in-brandenburg.de/ehrungen/ehrenamtskarte (letzter Zugriff am 5.10.2018)

Staatskanzlei Brandenburg (2018b): Der Freiwilligenpass, online
http://ehrenamt-in-brandenburg.de/ehrungen/freiwilligenpass
(letzter Zugriff am 5.10.2018)

Wenzke, Barbara (2007): Produktivität im Alter – Bildung zwischen Institution und Selbstorganisation, Cottbus (Dissertation), online https://opus4.kobv.de/opus4-btu/frontdoor/index/index/docId/162 (letzter Zugriff am 5.10.2018)

ZQP (2013): Themenreport Freiwilliges Engagement im pflegerischen Versorgungsmix, Berlin, online https://www.zqp.de/wp-content/uploads/2016/06/ZQP_Themenreport_Freiwilliges_Engagement.pdf (letzter Zugriff am 5.10.2018)


Updated on 18. Juli 2019

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