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H2-2 Erkennen und Handeln in Notfallsituationen und bei kritischen oder akuten Ereignissen

Patrick Karpa, Bärbel Dangel

Hintergrund 

Grundlage für die Entwicklung der kriteriengestützten Arbeitshilfen zur Einschätzung von akuten oder kritischen Ereignissen bei Bewohnerinnen und Bewohnern sind viele Berichte oder Aussagen der Pflegefachkräfte aus der Praxis. Hierbei zeigt sich, dass es zum einen Unterschiede im pflegerischen Fachwissen und zum anderen Probleme beim routinierten und souveränen Ablauf gibt, die sich auf das Erkennen und Handeln bei kritischen Ereignissen und deren Symptomen beziehen. Weiter wird häufig berichtet, dass auf Erfahrungswissen von vorangegangenen kritischen Situationen oder Notfällen bei Bewohnerinnen und Bewohnern zurückgegriffen wird und dieses Wissen als Grundlage der zu treffenden Entscheidungen dient. Handlungsleitend sind also Erfahrungen und Erlebnisse aus der beruflichen Praxis und weniger ein strukturiertes bzw. kriterienbetontes Vorgehen. Häufig wurde von der sogenannten Entscheidung „aus dem Bauchgefühl“ (Intuition) berichtet.

In einer kritischen oder potenziell bedrohlichen Situation ist es wichtig, dass Entscheidungen rational, nachvollziehbar, zügig bzw. unverzüglich, pflegefachlich begründet und routiniert getroffen und im Anschluss präzise dokumentiert werden. Aufgrund der Zunahme der wechselnden Zusammensetzung von Teams bzw. Schichtgruppen ist nicht davon auszugehen, dass stets eine sehr erfahrene Pflegefachkraft mit ausgeprägtem Fachwissen vor Ort ist bzw. berufsunerfahrenen Pflegefachkräften zu jeder Zeit mit Rat zur Verfügung stehen. Somit ist für die Versorgungskontinuität der Bewohnerinnen und Bewohner wichtig, dass jede Pflegefachkraft über den gleichen Kenntnisstand und ein dementsprechendes Handlungsrepertoire bei kritischen Ereignissen verfügt. 

Entscheidend für die Alarmierung des Hausarztes oder der Hausärztin bzw. der Notärztin bzw. des Notarztes sollte aus Sicht von Bewohnerinnen und Bewohnern nicht die rechtliche Absicherung der Pflegefachkraft sein, sondern ihre Entscheidung aufgrund fachlich gestützter Kriterien, wenn es der Zustand der Bewohnerin bzw. des Bewohners notwendig macht. Anzumerken ist, dass die rechtlichen Grundlagen nicht eindeutig sind, wie sich eine Pflegefachkraft in bestimmten Situationen zu verhalten hat. Somit ist es sinnvoll, kriteriengestützte Instrumente zur Entscheidungsfindung auf gesicherter pflegefachlicher Basis zu nutzen. 

Während vieler Schulungen zum Umgang mit den Notfalldokumentationsbögen wurde deutlich, dass auch die Kommunikation und der Umgang mit Fachbegrifflichkeiten sowie die Schilderung der Symptomatik einer Bewohnerin bzw. eines Bewohners in sehr unterschiedlicher Qualität und oft unsicher erfolgen. Vor allem das Anwenden von Fachbegriffen und die genaue Schilderung eines Ereignisses sind bei der Übergabe an das Personal des Rettungsdienstes, an die Hausärztin oder den Notarzt von hoher Bedeutung.

Ein weiterer Schulungsbedarf der Fachkräfte lässt sich bei der Definition von Normwerten, typischen Symptomenkomplexen von Krankheiten sowie pflegerisch einzuleitenden Maßnahmen erkennen. Kenntnisse von Medikamentenwirkungen bzw. Nebenwirkungen, die kritische Ereignisse hervorrufen können, sind nicht solide bei allen Pflegefachkräften vorhanden. Oft wird geschildert, dass Notärztinnen bzw. Notärzte und Rettungsdienstpersonal die Einschätzung der Pflegefachkräfte in Frage stellen. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit eines kriteriengestützten Assessments zur Erfassung von kritischen Ereignissen, um die Argumentation und Einschätzung der Pflegefachkräfte zu stützen.

Zielsetzung der Arbeitshilfen

(Arbeitshilfe AH2-2.1a, Arbeitshilfe AH2-2.1b, Arbeitshilfe AH2-2.1c, Arbeitshilfe AH2-2.2)

Ausder Perspektive der Bewohnerinnen und Bewohner tragen die zusammengestellten Arbeitshilfen dazu bei, dass die Gewährleistung von Sicherheit (richtiges Erkennen und Handeln) gesteigert wird, Kontakte zu Ärztinnen und Ärzten und Krankenhauseinweisungen nur dann erfolgen zu lassen, wenn diese unbedingt erforderlich sind. Letzteres wiederum ist ein Beitrag, die Lebensqualität der pflegebedürftigen Menschen nicht zu verschlechtern, da jeder nicht erforderliche Krankenhausaufenthalt die Lebensqualität, wenn auch nur aktuell, reduziert und mit Belastungen der Bewohnerinnen und Bewohner verbunden ist (z.B. Transporte, ungewohnte Umgebung, Ängste, Stress, usw.).

Pflegefachkräfte bekommen Sicherheit bei der Einschätzung kritischer Ereignisse, können die Kombination von Symptomenkomplexen beurteilen sowie angemessene Schlussfolgerungen treffen und aufgrund eines strukturierten Vorgehens die Maßnahmen gezielt und richtig einleiten. 

Die fachliche Kommunikation wird gefördert, Akzeptanz bei anderen Berufsgruppen (z.B. Notärztinnen und Notärzten, Hausärztinnen und Hausärzten) sowie bei Angehörigen werden gesteigert, der Schulungs- oder Übungsbedarf der Pflegefachkraft kann erkannt und erfasst werden. Ablaufschemata bieten den Pflegefachkräften unabhängig von Situationsfaktoren (z.B. Berufserfahrung) ein Handlungsrepertoire. Die Dokumentationsbögen dienen zur strukturierten Erfassung einer kritischen Situation, der präzisen Übergabe an Kolleginnen und Kollegen und anderen Berufsgruppen und können zur retrospektiven Auswertung des Ereignisses als Grundlage herangezogen werden. Die Handlungskompetenz der Pflegefachkräfte und fachlich sicheres Handeln können durch Verwendung der strukturierten Instrumente bei kritischen Ereignissen gestärkt werden.

Aus der Perspektive der Pflegedienstleitung bieten die hier vorgelegten Arbeitshilfen den Vorteil, dass Verfahren bei kritischen Ereignissen festgelegt sind, unangemessene Kontakte zu Ärztinnen und Ärzten und Krankenhäusern vermieden sowie Schulungs- und Qualifikationsbedarf der Pflegefachkräfte sichtbar werden. Die Dokumentationsbögen bieten aufgrund der fachlich einschlägigen Kriterien im Einzelfall Nachweis und Begründung und können als Qualitätsmerkmal angesehen werden.

Aus ökonomischer Sicht können Kosten reduziert oder vermieden werden. Kosten können bei allen an der Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner Beteiligten entstehen. Dazu zählen beispielsweise Abschlagszahlungen, wenn sich die Bewohnerin bzw. der Bewohner im Krankenhaus aufhält, Notarzteinsatzkosten (zum Teil Einsatz eines Rettungshubschraubers), Kosten für Rücktransporte in die Einrichtung oder Kosten für Hausbesuche von der Hausärztin bzw. des Hausarztes.

Die Materialien können vielschichtig eingesetzt werden, z.B. zur Dokumentation, zu einer Entscheidungsfindung, als Schulungs- bzw. Übungsgrundlage, als kompaktes Nachschlagewerk oder zur retrospektiven Auswertung eines Ereignisses.


Updated on 12. Juli 2019

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